21.9.04

Registration II

Nein, es geht diesmal nicht um meine Registration, ich habe seit heute zwei Stempel in meinem Pass, die belegen, dass ich ordnungsgemaess in Moskau registriert bin. Auch letzte Woche waere ich kaum in Schwierigkeiten geraten, da ich immerhin eine Bescheinigung darueber hatte, dass die Registrierung in Vorbereitung ist. Diejenigen, die wirklich unter diesem "Regime" sind auch nicht westliche Auslaender, die zeitweise in Russland leben. Auch fuer russische Staatsbuerger gilt Registrationspflicht. Und die Registration ist gerade in Moskau, dem Ort mit magischer Anziehungskraft fuer viele Menschen aus den Provinzen und Randgebieten des Landes, schwer zu bekommen. Zumindest kostet es jedes halbe Jahr einen ganzen Arbeitstag und eine fuer Normalverdiener nicht unerhebliche Menge Geld. Reiche Russen koennen es sich leisten einen Bevollmaechtigten in die Schlange zu schicken. Viele verzichten aber einfach auf die Registration und leben illegal in Moskau. Daher laesst sich auch nicht so genau sagen, wieviele Menschen eigentlich in der Stadt leben, sind es neun,zehn, zwoelf oder gar zwanzig Millionen? Wenn ich abends im Gedraenge in den Metrostationen stecke, glaube ich fast an die letzte Zahl! Aber mit Zahlen sollte man vorsichtig umgehen.
Die groessten Probleme haben Menschen, die "oestlich oder kaukasisch aussehen". Man kann in der Metro taeglich beobachten, wie sie von der Miliz abgefangen werden, besonders jetzt nach den Anschlaegen und der Geiselnahme in Beslan, als haetten die Verantwortlichen fuer diese Taten keine Moeglichkeiten, sich saubere Papiere zu besorgen. Hier sind wir schon mitten in der Arbeit meiner Organisation angelangt. Ein bisheriger Hoehepunkt war die heutige Presse-Konferenz zum Thema "Der Nordkaukasus wird sich nicht von Russland abspalten" im Moskauer Independent Press Center, an der unser Chef, ein dagestanischer Publizist und Kim Zagolog, ein ossetischer Ex-General und Ex-Vizeminister fuer Nationalitaetenfragen unter Jelzin, teilnahmen. Letzterer war unabhaengig von seiner Vita ein sehr beeindruckender Redner. Er befuerwortet grundsaetzlich die Loesung von Konflikten im Dialog und sagte er habe sich mehrmals mit dem frueheren tscheteschenischen Praesidenten Dudajew getroffen. Wenn die Regeirung damals mit Dudajew kommuniziert haette, haette es den Tschetschenienkrieg seiner Meinung nach niemals gegeben. Zagolov behauptet, dass es ethnische Konflikte im eigentlichen Sinn gar nicht gibt (ursaechlich sind immer andere Gruende), den Begriff Mentalitaet lehnt er schlichtweg ab. Eine Auffassung, die ich unterstuetze, zumindest dann, wenn es um leichtfertige Begruendungen fuer Konflikte oder politische Entwicklungen wie derzeit in Russland geht. Alle drei waren sich einig, dass eigentlich keines der Voelker im Nordkaukasus wirklich eine Losloesung von Russland will, das Problem werde in den Massenmedien uebertrieben. Das eigentliche Problem liege in der Art und Weise, wie Minderheiten in Russland, insbesondere in Moskau, von Miliz und Behoerden behandelt werden. Bezeichnend, dass sich die Lage in dieser Hinsicht nur noch weiter verschaerfen wird, die Registrationspraxis wandelt sich zu einem regelrechten Regime, mit verstaerkten Hausbesuchen der Miliz, z.T. auf Hinweise aussagewilliger Nachbarn hin. Kontrolle ist halt besser!

20.9.04

Winnie the Pooh's paradise

Ein Gelaende von ca. 300x300 Metern voll mit Staenden, an denen nur eine einzige Ware feilgeboten wird - Honig. Das ist der "Jarmarka mjoda", der Honigmarkt, der jedes Jahr im Spaetsommer in Moskau stattfindet. Aber hier geht es nicht einfach um Honig, es gibt alle erdenklichen und auch mir bisher nicht erdenklichen Sorten, von verschiedenstem Wiesen- und Wald- und Berghonig ueber Akazie und Linde mit Melisse bis hin zu Kastanie und Buchweizenblueten, von den Pflanzen, die nicht einmal unsere russische Begleiterin identifizieren konnte ganz zu schweigen, und das aus allen Regionen des riesigen Landes. Honig ist nicht billig hier in Moskau, und trotzdem sind viele Russen bereit, dafuer zu zahlen. Denn Honig gilt hier nicht nur als Lebensmittel, sondern vor allem als Heilmittel, bei vielen Sorten war gleich angegeben, bei welchen Beschwerden sie helfen. Zhenya, unsere Begleiterin, scheint mit der Wissenschaft des Honigs vertraut zu sein, sie weiss zum Beispiel, dass Buchweizenhonig sehr schnell kristallisiert, wenn er fluessig ist is er nicht rein, reiner Kastanienhonig hingegen bleibt auch nach einem Jahr noch fluessig. Reinheit ist ueberhaupt ein wichtiges Stichwort. "Treten Sie naeher. Wir haben den reinsten Honig von ganz Russland. Probieren Sie!" Probieren? Das wichtigste hab ich fast vergessen. Ein Paradies fuer Winnie Puh eben.

Honig aus Tatarstan Posted by Hello

14.9.04

Registration

Man kann nicht einfach so in Moskau wohnen, nein, nach Einladung und Visum steht mit der Registration erstmal die dritte, und wie mir scheint groesste, buerokratische Huerde an. Ohne Registration darf ich mich drei Tage in Moskau aufhalten, bei mir waren das Donnerstag, Freitag und Samstag. Seit Sonntag muss ich mich in der Stadt also moeglichst unauffaellig bewegen, um nicht der Miliz in die Haende zu fallen. Die Milizionaere lauern einem bevorzugt in den Metrostationen und an den Ein- und Ausgaengen auf. In letzter Zeit besonders - wegen erhoehter Terrorgefahr. Da aber nicht an jeder Station zu jeder Zeit ein Anschlag zu befuerchten ist, gehen die Milizionaere einer weit verbreiteten Beschaeftigung nach: Geld eintreiben - wer es nicht von oben kriegt, muss sich halten von unten holen. Ein beliebtes Opfer sind dabei Auslaender, die man leicht mit einem "Straf" von 500 Rubel (knapp 15 Euro) belegen kann. Also versuche ich, so russisch wie moeglich zu erscheinen: Ich gehe zuegig mit leicht gesenktem Kopf, gelangweiltem Blick und herabgezogenem Mundwinkel, weiss immer genau wo ich hin muss, wenn nicht, schaue ich nur kurz aus dem Augenwinkel wie es weitergeht, und selbst wenn ich ueberhaupt nicht mehr weiterweiss, mache ich zumindest den Anschein, dass ich es weiss. Bisher hat es wunderbar funktioniert, trotzdem hoffe ich, dass ich bald den Registrationsstempel in meinem Pass habe.

Zuerst hiess es Freitag Abend ist alles fertig, aber dann wurde alles sehr kompliziert und sehr kompliziert heisst sehr teuer. Dann also doch lieber kompliziert als teuer. Heute konnten Patrizia und ich zusehen, wie Irina in einem kleinen Bezirksamt im Moskauer Norden mit immer neuen Formularen fuer uns von Buero zu Buero geschickt wurde, zum Bezahlen sogar ein paar Stationen mit dem Bus fahren musste, um dann wieder fuer neue Stempel und Unterschriften anstehen musste. Das gleiche Schicksal traf offenbar alle, die in diesem Amt irgend etwas zu erledigen hatten. Ok, wir mussten nur dasitzen warten, aber auch warten kann anstrengend sein. Schliesslich haben wir es geschafft, alle Papiere zusammenzukriegen, von Oeffnung des Amtes bis zum Beginn der Mittagspause, und wenn es um ihre Mittagspause geht, sind russische Beamte ploetzlich sehr puenktlich. Die Registration haben wir allerdings noch nicht, die Papiere gehen jetzt wieder an irgend eine Organisation und ... Ich will nicht versuchen, das System zu verstehen und hoffe, ich muss keine Fortsetzung von diesem Kapitel schreiben.

13.9.04

Erste Eindruecke

Donnerstag, 9.9., 15.50 Uhr Ankunft Moskau-Domodedovo. Keinerlei Probleme bei der Passkontrolle und am Zoll. Werde netterweise von meinem Mitpraktikanten Sebastian abgeholt. Dododedovo ist ein neuer, sehr moderner Flughafen. Zum Glueck ist der Shuttlezug, der uns in die Stadt bringt, einer von der alten Sorte. Sonst haette ich geglaubt, ich waere nicht in Moskau gelandet, sondern irgendwoanders - trotz der russischen Durchsagen, Anzeigetafeln, Reklameschilder etc. Aber die Erinnerungen kommen schnell zurueck - die Kontrollautomaten, die die Fahrkahrte erst beim fuenften Versuch annimmt, das Gedraenge vor der U-Bahn-Rolltreppe zur Rushour und dazu altbekannte Gerueche und Geraeusche: der Mief in der U-Bahn, das Rattern der Raeder unter den alten Waggons, der typische Benzingeruch, der einem auf der Strasse in die Nase steigt.

Meine Wohnung fuer die naechste Woche liegt ein Stueck ausserhalb des Stadtzentrums im Westen. Vom Kiewer Bahnhof eine knappe halbe Stunde mit der Marschroutka, einem alten klapprigen Bulli eines privaten Linientaxiunternehmen, der in halsbrecherischen Ausweichmanoevern ueber die vierspurige Ausfallstrasse rast. Gut, bisher bin ich immer heil da angekommen wo ich hinwollte. Ich habe voruebergehend das Zimmer von Lena, einer Kollegin aus dem Buero, die zur Zeit Urlaub macht. Sie teilt sich eine Zweizimmerwohnung in einem Hinterhof mit einer Schriftstellerin. Die Wohnung ist russisch gemuetlich, mit gemusterten Tapeten, dunklen Moebeln und schweren Teppichen. Ueberhaupt ist es recht dunkel, aber eine Reihe grosser Fenster, die viel Licht hereinlassen, sind wohl nicht sehr praktisch hier, schliesslich will man es ja warm haben. Aber auch das ist nicht so einfach im September, da die Heizung erst ab dem naechsten Monat laeuft. Aber ich habe ja vorgesorgt...

Das Buero des Center for Interethnic Cooperation liegt in der Novoslobodskaja ulica, direkt an der Ringlinie der Metro, in einem geraeumigen Kellergeschoss. Ausser mir sind hier zur Zeit meine Mitpraktikanten Sebastian aus Giessen und Patrizia aus Oesterreich, Zhenja und Irina, zwei Russinnen, die sich sehr nett um uns kuemmern und Lisa und Aljoscha, zwei Katzen. Der Direktor Aschot, ein Armenier, kommt erst am Mittwoch von einer Konferenz zurueck. Und bis dahin geht es hier sehr ruhig zu. Ein paar Uebersetzungen, ein paar Mails lesen fuers Buero, ansonsten bleibt noch viel Zeit fuer private Dinge, wie z.B. diese Blog. Aber auch wenn es in den naechsten Tagen etwas stressiger zugehen koennte, die Atmosphaere - hab ich mir sagen lassen - ist sehr herzlich. Und fuers leibliche Wohl wird auch gesorgt: Mittagessen, Kaffe, Tee mit Keksen ...

Am Wochendende hatte ich Gelegenheit, Moskau zu erkunden, teils allein, teils mit Patrizia und Sebastian, der schon etwas laenger hier ist: Theaterplatz, Roter Platz, Tverskaja, Arbat, eigentlich das ganze Zentrum zu Fuss. Wenn ich irgend jemand erzaehlt habe, Moskau sei eigntlich nur haesslich, laut und schmuzig, dann muss ich mich korrigieren, es gibt durchaus einige Strassen und Gegenden, die ein schoenes Grossstadtflair haben. Ich bin mit der Erwartung hierhergekommen, dass die Stadt sich seit meinem letzten Besuch (1997!!!) sehr veraendert hat. Und dennoch musste ich etwas genauer hinschauen, um dies zu bemerken. Vielleicht liegt es daran, dass die Richtung schon damals vorgegeben war. Alles wird westlicher und protziger. Es fahren noch mehr teure Limousinen auf der Strasse, die Stadt ist noch staerker mit Reklameflaechen gepflastert, und ueberall machen Spielhallen mit kitschig-grellen Lichtkonstruktionen auf sich aufmerksam. An Baustellen kann man die kuenftigen Ausmasse des Gebaeudes an einer rieseigen Werbetafel erkennen. Neue Buerotuerme schiessen wie Pilze aus dem Boden, mit zum Teil absonderlichen architektonischen Konstruktionen, wie z.B. die Neuschwansteintuermchen, die ich auf dem Weg in die Stadt beobachten kann. Sehr deutlich macht sich auch die Cafe- und Kneipenkultur bemerkbar. Waehrend man vor einigen Jahrten noch Schwierigkeiten hatte, ueberhaupt ein Cafe zu finden, gibt es sie heute an jeder Ecke, alle westlich schick mit stolzen Preisen. Ein richtig gemuetliches Cafe mit gemuetlichen Preisen, in dem man sich gerne laenger aufhaelt, habe ich noch nicht entdeckt, und ich fuerchte, ich kann noch lange suchen...