17.1.05
6.1.05
Zeitgeschichte
In St.Petersburg steht das Museum fuer politische Geschichte Russlands, in Moskau das Museum fuer Zeitgeschichte Russlands. Beide sind im Prinzip sehr aehnlich, denn beide sind das ehemalige Museum der Grossen Oktoberrevolution. In St. Petersburg hat man daraus eine interessante Mischung gemacht. So sind z.B. in dem Raum, der wohl so eine Art Ahnengalerie fuer Politbueromitglieder darstellen soll, mit vielen Fotos und dunkelroten samtenen Fahnen und Wimpeln, einfach Vitrinen mit Fotos und Dokumenten aus den 90er Jahren (Gortbatschow, Jelzin, Putin etc.) dazugestellt worden. Auch im Museum fuer Zeitgeschichte in Moskau hat sich etwas geaendert. Auf der Eintrittskarte steht gross geschrieben: Die Zeitgeschichte macht Ihr, unterzeichnet vom Russischen Kulturministerium. Merkwuerdig, denn eigentlich macht Putin ja sonst recht deutlich klar, dass nicht wir, oder sie, also das russische Volk, sondern er und seine Regierung die Zeitgeschichte schreiben. Vielleicht machen die Menschen in Russland ja Zeitgeschichte dadurch, dass sie brav mit dem Kopf nicken, den Mund halten und dem "richtigen" Kopf vertrauen. Abgesehen vom ersten Raum, der die neueste Zeit behandelt, ist im Moskauer Museum eher alles beim alten geblieben: zunaechst die revolutionaere Bewegung im 19. Jh., dann die revolutionaere Bewegung Anfang des 20. Jh. (gut, die "liberale Bourgeoisie" kommt auch zu Wort), dann Revolution, Buergerkrieg und Sowjetunion. Erweckt eher den Anschein, als koennten wir ueberhaupt keine Geschichte machen, die Richtung ist doch vorgegeben - Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und schliesslich Kommunismus. Auch das Personal scheint noch das alte zu sein: Als ein kleiner Junge mit seinem Vater vor einer nachgebauten Gefaengniszelle aus dem 19. Jh. steht, fragt er die Dame: Wer hat da gesessen? Sie antwortet ihm: Da sass ein armer Revolutionaer, der dafuer gekaempft hat dass es Kinder wie du besser haben, und dafuer hat der Zar ihn eingesperrt. Tja, da siehst du, was das fuer Zeiten waren, damals.
Urlaub
Bin zurueck in Moskau, um hier noch ein paar nette Wochen zu verbringen (am 25. Januar geht's dann endgueltig wieder in Richtung Heimat). Eigentlich genau die richtige Zeit . Denn hier ist gerade alles ein bisschen anders. Zum erstenmal gibt es zwischen Neujahr und russischer Weihnacht volle zehn Tage staatlichen Urlaub, das heisst es ist die ganze Woche und auch noch Montag wie sonst nur an Sonntagen (leere Metro, volle Museen ...). Zeit genug, die Dinge in Angriff zu nehmen, die ich mir vorgenommen hatte. Ist allerdings in der Praxis nicht alles so einfach. Denn wer haette gedacht, dass das z.B. Puschkin-Museum auch 10 Tage Urlaub macht und man das erst vor Ort erfaehrt.
20.12.04
Piter
Petersburg ist eine wunderschoene Stadt, das ist wohl allgemein bekannt. Aber Petersburg ist auch geordnet, zivilisiert, sauber und sehr bescheiden, zumindest wenn man wie Stepanka und ich fuer drei Tage aus Moskau anreist. Weniger protzige Autos auf den Strassen, wenige Pelzmaentel, auf dem Nevskij Prospekt keine Unebenheiten auf dem Gehweg (im Gegensatz zur Tverskaja oder dem Arbat), die Metrostationen uebersichtlich, kein Wildwuchs von Staenden und Kiosken, die Menschen nordisch gelassen, selbst im Gedraenge vor der Rolltreppe (kein Ellbogen zu spueren!). Petersburg ist verhaeltnismaessig klein, nur 4,5 Millionen Einwohner, beschaulich im Vergleich zu Moskau. Dass ich auch noch in einer sehr gemeutlichen WG (Julia, Tim und Rebecca) gelandet bin, hat zwar nichts mit der Stadt direkt zu tun, passt aber zum Gesamteindruck: Petersburg ist Europa!
Merkwuerdig, als ich vor einigen Jahren von Deutschland aus direkt nach Petersburg geflogen bin, hatte ich schon irgendwie das Gefuehl, in Russland gelandet zu sein. Jetzt war es wie ein kurzer Heimaturlaub und ein kleiner Vorgeschmack auf naechste Woche. Auch St. Petersburg hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt, aber bescheidener. Es gibt mehr Cafes und viele westliche Geschaefte, aber im Gegensatz zu Moskau ist es doch irgendwie gleich geblieben, nur freundlicher wirkt es. Es ist schoen durch die Strassen und die Kanaele entlang zu spazieren und Orte von frueher wiederzuerkennen, nur dass alles jetzt schoener wirkt.
Merkwuerdig, als ich vor einigen Jahren von Deutschland aus direkt nach Petersburg geflogen bin, hatte ich schon irgendwie das Gefuehl, in Russland gelandet zu sein. Jetzt war es wie ein kurzer Heimaturlaub und ein kleiner Vorgeschmack auf naechste Woche. Auch St. Petersburg hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt, aber bescheidener. Es gibt mehr Cafes und viele westliche Geschaefte, aber im Gegensatz zu Moskau ist es doch irgendwie gleich geblieben, nur freundlicher wirkt es. Es ist schoen durch die Strassen und die Kanaele entlang zu spazieren und Orte von frueher wiederzuerkennen, nur dass alles jetzt schoener wirkt.
13.12.04
Tag der Verfassung
Gestern am 12. Dezember war Tag der Verfassung. Da dieser Tag auf einen Sonntag fiel, ist heute arbeitsfreier Tag, man sieht das hier etwas grosszuegiger, am 7. und 8. November, als die Oktoberrevolution gefeiert wurde (immer noch), war das genauso. Und zwischen Neujahr und dem orthodoxen Weihnachtsfest (7. Januar) ist praktisch eine ganze Woche frei. Was natuerlich nicht heisst, dass die Stadt wie ausgestorben ist. Die Geschaefte haben nach wie vor geoeffnet, teils bis 22 Uhr abends oder die ganze Nacht ueber. Wie feiert man den Tag der Verfassung? Keine Ahnung! Zwar haengen an jedem Haus in den grossen Strassen der Innenstadt russische und Moskauer Flaggen, aber die gehen irgendwie unter in dem ganzen Vorweihnachts-, bzw. hier in Russland Vorneujahrskitsch, der unserem aber in nichts nachsteht, im Gegenteil. Und die Verfassung ist wohl auch nicht mehr die, die am 12. Dezember 1993 vom russischen Volk angenommen wurde. Zuletzt hat Putin mit satter Parlamentsmehrheit beschlossen, dass die Gouverneure in Zukunft praktisch vom Praesidenten ernannt werden. So lasse sich der Terror leichter bekaempfen!
Eigentlich habe ich nur einem kurzen Moment mitbekommen, dass Tag der Verfassung war, als wir gestern durch eine Fussgaengerunterfuehrung spazierten, an deren Ende eine alte Frau sass, um irgendwelche Kleinigkeiten zu verkaufen. Ploetzlich fing sie an wild ueber jemand auf der Treppe nach oben zu schimpfen, eine von diesen Tiraden, die wenn sie erstmal angefangen haben, so schnell nicht wieder aufhoeren. Ich hab nur Bruchstuecke mitbekommen, soviel wie: ... und das am Tag der Verfassung ... Geht doch in den Wald, geht doch in den Wald!!! Als wir an der Treppe angekommen waren, sahen wir dort ein Liebespaar, leicht verlegen, leicht belustigt ueber diese Stoerung. Merkwuerdig, dass sich die Alte ausgerechnet auf die Verfassung beruft. Ist es doch die erste Verfassung, die den Russen gewisse Freiheitsrechte zugesteht, wie z.B. das Kuessen in der Oeffentlichkeit. Zu Sowjetzeiten wurden rechtschaffene Buerger zur Unterstuetzung der Polizeio auf Streife geschickt, um derartige Uebeltaeter, zusammen mit Rauf- und Trunkenbolden zurechtzuweisen. Diese Streifen wurden als "Druzhina" bezeichnet. Ich kam neulich in die Verlegenheit, dieses Wort ins Englische uebersetzen zu muessen, und kam zu dem Schluss es ein solches Wort weder im Englischen noch im Deutschen gibt und auch nicht gewuenscht ist. Hoffentlich bleibt es auch in Russland bei einzelnen Rueckfaellen aelterer Damen, die sich Zucht und Ordnung frueherer Zeiten zurueckwuenschen.
Eigentlich habe ich nur einem kurzen Moment mitbekommen, dass Tag der Verfassung war, als wir gestern durch eine Fussgaengerunterfuehrung spazierten, an deren Ende eine alte Frau sass, um irgendwelche Kleinigkeiten zu verkaufen. Ploetzlich fing sie an wild ueber jemand auf der Treppe nach oben zu schimpfen, eine von diesen Tiraden, die wenn sie erstmal angefangen haben, so schnell nicht wieder aufhoeren. Ich hab nur Bruchstuecke mitbekommen, soviel wie: ... und das am Tag der Verfassung ... Geht doch in den Wald, geht doch in den Wald!!! Als wir an der Treppe angekommen waren, sahen wir dort ein Liebespaar, leicht verlegen, leicht belustigt ueber diese Stoerung. Merkwuerdig, dass sich die Alte ausgerechnet auf die Verfassung beruft. Ist es doch die erste Verfassung, die den Russen gewisse Freiheitsrechte zugesteht, wie z.B. das Kuessen in der Oeffentlichkeit. Zu Sowjetzeiten wurden rechtschaffene Buerger zur Unterstuetzung der Polizeio auf Streife geschickt, um derartige Uebeltaeter, zusammen mit Rauf- und Trunkenbolden zurechtzuweisen. Diese Streifen wurden als "Druzhina" bezeichnet. Ich kam neulich in die Verlegenheit, dieses Wort ins Englische uebersetzen zu muessen, und kam zu dem Schluss es ein solches Wort weder im Englischen noch im Deutschen gibt und auch nicht gewuenscht ist. Hoffentlich bleibt es auch in Russland bei einzelnen Rueckfaellen aelterer Damen, die sich Zucht und Ordnung frueherer Zeiten zurueckwuenschen.
8.12.04

Improvisierter Adventskalender. Tannengruen gibt es naemlich nicht, es sei denn man bedient sich selbst irgendwo. Alle Weihnachtsbaeume (bzw. Neujahrstannen) in der Stadtsind kuenstlich. Merkwuerdig, denn wenn ein Land genuegend Nadelbaueme vorraetig hat, dann ist das doch wohl Russland. Noch merkwuerdiger fuer Russland die Begruendung, die mir Marina und Renata unabhaengig voneinander gegeben haben: aus Umweltschutzgruenden
7.12.04
Winterimpressionen. Winterdepressionen
Es ist nass, es ist matschig, und von dem Schnee der letzen Wochen ist auch kaum noch was uebrig. Ich haette eh keine Gelegenheit mich daran zu erfreuen, da ich unterwegs staendig aufpassen muss nicht knietief in den Schneematsch zu treten. Ist nicht einfach trockenen Fusses irgendwo hinzukommen. Aber Gefahr droht auch von oben durch Eisklumpen, die von den Daechern herunterkommen.Die Tage werden immer kuerzer. Mittlerweile ist es auch schwer morgens aus dme Bett zu kommen. Winterdepressionen nennt man das wohl. Es gibt hier zwei Moeglichkeiten damit umzugehen, entweder mazn laesst sich ganz in ihnen ergehen oder man lenkt sich irgendwie ab. In unserer Organisation trifft letzteres zu. Es gibt immer irgend einen anlass zu feiern, gestern zum Beispiel Kollegin Patrizias Geburtstag (der eigentlich schon am 6. September war).
19.11.04
Schnee!!!!!!!!!!!!!!!!
Gestern abend, endlich, gab's den ersten Schnee in diesem Jahr, d.h. so eine richtige Schneedecke von mindestens 10 cm. Es ist tatsaechlich was dran, dass das die Stimmung aufleben laesst, die Menschen schienen gesten abend und heute morgen viel zufriedener als in den letzten Wochen. Wir haben das Wetter gestern abend gleich fuer einen Spaziergang in der Innenstadt ausgenutzt, denn so lange haelt sich die Pracht nicht, mittlerweile ist auf den Strassen schon wieder alles grau und matschig.
Puenktlich zum Schneeschauer haben sie in den Einkaufsstrassen auch die ersten Weinachtsbaeume zusammengebastelt, so richtig kitschig amerikanisch, alles voll mit glitzernden Kugeln und Girlanden, so dass man von dem Plastikgruen fast nichts mehr sieht. Und das ist noch nicht mal arg verfrueht, in fuenf Wochen ... Mensch, wie die Zeit rast!
Puenktlich zum Schneeschauer haben sie in den Einkaufsstrassen auch die ersten Weinachtsbaeume zusammengebastelt, so richtig kitschig amerikanisch, alles voll mit glitzernden Kugeln und Girlanden, so dass man von dem Plastikgruen fast nichts mehr sieht. Und das ist noch nicht mal arg verfrueht, in fuenf Wochen ... Mensch, wie die Zeit rast!
9.11.04
Sibirien
Komme gerade von einer "Kommandirovka" aus Novosibirsk zurueck. Eine "Kommandirovka" ist eigentlich eine Dienstreise, auf die man abkommandiert wird. In meinem Fall war es ein Seminar, das meine Organisation durchgefuehrt hat. Und da ich keine spezielle Aufgabe hatte ausser ein paar Fotos zu knipsen, war es eher wie ein Kurzurlaub und eine Verlaengerung meiner Geburtstagsfeier um eine Woche. (An dieser Stelle vielen Dank fuer die Glueckwuensche). Zwei Tage Zugfahrt und nochmal zwei zurueck fuer knapp drei Tage Aufenthalt, das klingt schon etwas verrueckt, Lena hatte auch ueberhaupt keine Lust darauf, aber ich bin nach wie vor der Meinung dass sich schon allein die Zugfahrt gelohnt hat. Auch wenn die Landschaft auf die Dauer schon ein wenig eintoenig wird: Birken und Tannen, Tannen und Birken, ... Der Zug haelt in allen moeglichen kleinen Kaeffern mit Namen wie Buj und Balesino, manchmal auch in Kaeffern wo er planmaessig gar nicht halten sollte und die scheinbar zu klein sind um ueberhaupt einen Namen zu haben. Interessant ist, dass wir an all diesen abgelegenen Bahnhoefen noch von Genosse Lenin in Form einer Statue begruesst wurden. Unterwegs findet sich zwischen den Tannen und Birken ab und zu ein armseliges Haeuschen oder ein kleines Dorf und man fragt sich wovon die Menschen hier leben und was sie das ganze Jahr ueber tun. Abgesehen von kurzen Spaziergaengen auf dem Bahnsteig bei laengeren Aufenhalten, wo man seinen Bier- und Chipsvorrat aufstocken konnte, war Novosibirsk nach zwei Tagen der erste Punkt wirklicher menschlicher Zivilisation. Der Bahnhof ein Musterbeispiel des modernen Russlands, blitzblanker Marmorfussboden, elektronische Anzeigetafeln ... Die Stadt dafuer noch ganz wie zu sowjetischen Zeiten. Viele graue und triste Zweckbauten. Die Hauptstrassen heissen "Roter Prospekt" und "Leninplatz", letzterer staendig von seinem Namensgeber und anderen ueberlebensgrossen Parteigenossen gekroent. In Novosibirsk laeuft alles ein bisschen ruhiger und entspannter ab als in Moskau. Wir sind morgens eigentlich recht gemuetlich durch die Strassen spaziert (nach Moskauer Massstaeben an die ich mich schon gewoehnt habe) und waren noch zweimal so schnell wie die Sibirier die zur Arbeit gingen. Die Leute hier sind einfach nicht so von einer Hektik ergriffen und haben dementsprechend auch mehr Zeit fuer freundliche Auskuenfte. Am Abend des ersten Tages ging es dann weiter nach Sosnovki, einem Sanatorium (heisst hier nur Erholungsheim, nicht mehr!) in einem Kiefernwald ausserhalb der Stadt, wo unser Seminar stattfinden sollte. Es ging darum, dass sich Leiter von ethnischen Minderheitsorganisationen mit Vertretern der Regionalverwaltungen Sibiriens zusammensetzen, um ueber Zusammenarbeit zu sprechen. Dabei wurde ich in meinen Erwartungen etwas enttaeuscht. Es war kein einziger strenger, mit Orden behaengter Oberst aus dem Innenministerium dabei, bei dem man erst das Eis brechen muss, damit er sich mit Aserbaidschanern oder Tschetschenen an einen Tisch setzt. Alle verstanden sich von Anfang an gut. Die Seminare meiner Organisationen laufen eigentlich einem immer gleichen, aber bewaehrten Schema ab. Erfahrungsaustausch, Brainstormings und konkrete Vorschlaege fuer eine zukuenftige Zusammenarbeit. Und zwischendurch zur Auflockerung interaktive Spielchen wie: Welche Gruppe schafft es als erste, sich in der Reihenfolge der Schuhgroesse aufzustellen usw. Hoehepunkt ist traditionell das Bankett, das nicht nur ein willkommener Anlass ist um zu essen und zu trinken. In diesem Fall wurde es spontan als "Raimunds Geburtstag" (der mittlerweile fuenf Tage zuruecklag) angekuendigt, so dass ich Glueckwuensche in neun verschiedenen Sprachen empfangen habe (Russisch, Georgisch, Armenisch, Aserbaidschanisch, Tschetschenisch, Baschkirisch, Tatarisch, Weissrussisch und Russlanddeutsch). Das ganze laeuft nach einem traditionellen Schema ab, das in Russland, und im Kaukasus wahrscheinlich noch mehr, weit verbreitet ist Zuerst sprechen alle Maenner nacheinander (heisst, mit jedem neuen Getraenk)einen Toast aus, der je nach Gewohnheit eine bis fuenf Minuten dauert. Danach duerfen die Frauen und schliesslich der Gastgeber (in diesem Fall fiel mir die Rolle zu). Dann darf jeder auf was er will.
Die Rueckfahrt war schon nicht mehr ganz so aufregend wie die Hinfahrt. Aber auch mit Essen, Trinken, Lesen und Schlafen kriegt man die Zeit rum.
Die Rueckfahrt war schon nicht mehr ganz so aufregend wie die Hinfahrt. Aber auch mit Essen, Trinken, Lesen und Schlafen kriegt man die Zeit rum.
28.10.04
17.10.04
Moskauer Metro
Die Moskauer Metro ist eine Welt fuer sich. Nicht umsaonst fehtl in keinem Reisefuehrer ein ausfuehrliches Kapitel darueber. Die Metro ist nicht nur ein Verkehrsystem, ohne das sich oben ueberhaupt nichts mehr bewegen wuerde. Sie ist auch Sehenswuerdigkeit, Treffpunkt, Lebens- und Geschaeftsraum und bringt eigenartige Geschoepfe hervor. Dass man in eine andere Welt eintaucht wird schon klar wenn man die Rolltreppe hinunterfaehrt: naemlich nicht nur ein paar meter, sonderen hunderte von stufen, und die fahrt dauert meist mehr als eine minute, wenn man stehen bleibt (rechts stehen, links gehen, sonst wird man umgenietet). Und das obwohl das Tempo doppelt so schnell ist wie bei uns. Unten steht immer ein kleines Haeuschen, in dem die Rolltreppenwaechter sitzen. Meist aeltere Frauen und die meiste zeit sitzen sie wirklich nur in ihrem Haeuschen, manchmal mit offenen Augen, manchmal mit geschlossenen. Wenn sie herauskommen, dann um eine Rolltreppe zu schliessen oder eine neue aufzumachen - wie bei supermarktkassen, nur dass die logik nicht immer ganz ersichtlich ist. So kann es vor kommen, dass zwei rolltreppen ein paar menschen nach unten transportieren, wo eine riesige Menschenmenge ansteht, um sich auf die dritte zu quetschen, die als einzige nach oben fuehren. Die Rolltreppenwaechter zeigen meistens keinerlei Temperament, nur wenn jemand ihre Regeln verletzt, kommen sie aus ihrem Haeuschen und starten eine einminuetige Gardinenpredigt, die wahrscheinlich durch nichts zu stoppen ist. Zum Beispiel wenn jemand auf der vollbesetzten Rolltreppe den Verkehr aufhaelt, weil er mit einem Koffer beladen den Absprung nicht so schnell schafft. Neulich hab ich beobachtet, wie sie eine alte Frau zusammengeschrien haben, nur weil sie auf dem weg nach unten auf der linken seite stand (rechts stehen, links gehen, hat doch schon Okudschawa gesungen!).
Es gibt sehr viele alte Frauen, die in den in den Metrostationen stehen und betteln, da die Rente bei weitem nicht zum Ueberleben reicht. Maenner sieht man fast gar nicht, nur Frauen, wahrscheinlich, weil Maenner selten so alt werden. Irgendwie wirken diese Menschen auf mich wie Reisende aus einer anderen Zeit, sie waeren wahrscheinlich auch zur Zeit de Revolution kaum aufgefallen. An ihnen sieht man besonders den krassen Gegensatz zum modernen, westlichen Moskau mit seinen teuren Laeden und Luxuslimousinen. Aber mir scheint, dass den Moskauern das Leid der Alten sehr bewusst ist, verhaeltnismaessig viele Passanten stecken den Frauen in der Metro ein paar Rubel zu. Im Gegensatz zu den Invaliden und Blinden, die durch die Waggons gehen und betteln, denn es ist allgemein bekannt, dass sie von organisierten Banden kontrolliert werden und selbst nur einen kleinen Teil des Geldes bekommen, das man ihnen zusteckt. Denn, wo sich tagtaeglich mehrere Millionen Menschen bewegen, kann man natuerlich gut Geschaefte machen. Der Grossteil des Geschaeftslebens spielt sich oben ab, das heisst, in Kiosken, die sich auf den Strassen, Plaetzen und Fussgaengeunterfuehrungen rund um die Metrostationen befinden. Aber auch "unterttage " kann man alles meogliche kaufen, von Theaterkarten (offiziell) ueber Blumen, Strumphosen, albernem Spielzeug bis zu kleinen Hunden und Katzen und Diplomen und Zertifikaten (inoffiziell). Ob ein Verkaeufer eine Erlaubnis besitzt, merkt man schon an seinem Verhalten. Hat er keine, schaut er sich hauefiger vorsichtig um und ist bereit ganz schnell seine Sachen zusammenzupacken, wenn sich Milizionaere naehern. Und von denen gibt es viele. Die meiste Zeit winken sie aber kaukasisch aussehende Passagiere zur Seite um ihre Papiere zu kontrollieren. so bekaempft man hier den Terror. Von einer Angst vor Terroranschlaegen spuert man hier uebrigens wenig, auch Anfang September, also kurz nach der Terrorwelle hier in Russland, habe ich nicht den Eidruck gehabt. die regelmaessigen Durchsagen, wie man sich zu verhalten, hat wenn man verdaechtige Personen beobachtet oder Taschen ohne Besitzer entdeckt, scheinen mittlerweile genauso ueberhoert zu werden wie die Werbedurchsagen. Ueberhaupt scheint hier jeder einfach nur seinen Weg zu gehen und das moeglichst schnell. Denn wenn man eine oder anderthalb Stunden von der Arbeit nach Hause faehrt, scheint jede Sekunde kostbar. Die Moskauer wissen deshalb genau, an welcher Stelle sie sich an den Bahnsteig stellen muessen, um beim Umsteigen einen moeglichst kurzen Weg zum naechsten Bahnsteig zu haben. Dabei wirkt es sehr komisch, dass viele Metrostationen im Zentrum wahre Prachtwerke sind, mit Reliefs an den Waenden, Stuckverzierten Decken und Kronlaeuchtern. Denn die Menschen haben ueberhaupt keine Zeit und Musse die Architektur zu bewundern. Flanieren kann man besser auf dem Roten Platz oder auf dem Arbat. Komischer Einfall den Stalin und seine Baumeister damals hatten. Gerne fahre ich nur spaet abends Metro, da sind die Leute nicht so gestresst, sondern eher vergnuegt, weil sie aus dem Theater, aus der Kneipe oder von einem Rendezvous kommen. Und die die spaet von der Arbeit kommen, haben die Chance ein wenig zu entspannen.
Es gibt sehr viele alte Frauen, die in den in den Metrostationen stehen und betteln, da die Rente bei weitem nicht zum Ueberleben reicht. Maenner sieht man fast gar nicht, nur Frauen, wahrscheinlich, weil Maenner selten so alt werden. Irgendwie wirken diese Menschen auf mich wie Reisende aus einer anderen Zeit, sie waeren wahrscheinlich auch zur Zeit de Revolution kaum aufgefallen. An ihnen sieht man besonders den krassen Gegensatz zum modernen, westlichen Moskau mit seinen teuren Laeden und Luxuslimousinen. Aber mir scheint, dass den Moskauern das Leid der Alten sehr bewusst ist, verhaeltnismaessig viele Passanten stecken den Frauen in der Metro ein paar Rubel zu. Im Gegensatz zu den Invaliden und Blinden, die durch die Waggons gehen und betteln, denn es ist allgemein bekannt, dass sie von organisierten Banden kontrolliert werden und selbst nur einen kleinen Teil des Geldes bekommen, das man ihnen zusteckt. Denn, wo sich tagtaeglich mehrere Millionen Menschen bewegen, kann man natuerlich gut Geschaefte machen. Der Grossteil des Geschaeftslebens spielt sich oben ab, das heisst, in Kiosken, die sich auf den Strassen, Plaetzen und Fussgaengeunterfuehrungen rund um die Metrostationen befinden. Aber auch "unterttage " kann man alles meogliche kaufen, von Theaterkarten (offiziell) ueber Blumen, Strumphosen, albernem Spielzeug bis zu kleinen Hunden und Katzen und Diplomen und Zertifikaten (inoffiziell). Ob ein Verkaeufer eine Erlaubnis besitzt, merkt man schon an seinem Verhalten. Hat er keine, schaut er sich hauefiger vorsichtig um und ist bereit ganz schnell seine Sachen zusammenzupacken, wenn sich Milizionaere naehern. Und von denen gibt es viele. Die meiste Zeit winken sie aber kaukasisch aussehende Passagiere zur Seite um ihre Papiere zu kontrollieren. so bekaempft man hier den Terror. Von einer Angst vor Terroranschlaegen spuert man hier uebrigens wenig, auch Anfang September, also kurz nach der Terrorwelle hier in Russland, habe ich nicht den Eidruck gehabt. die regelmaessigen Durchsagen, wie man sich zu verhalten, hat wenn man verdaechtige Personen beobachtet oder Taschen ohne Besitzer entdeckt, scheinen mittlerweile genauso ueberhoert zu werden wie die Werbedurchsagen. Ueberhaupt scheint hier jeder einfach nur seinen Weg zu gehen und das moeglichst schnell. Denn wenn man eine oder anderthalb Stunden von der Arbeit nach Hause faehrt, scheint jede Sekunde kostbar. Die Moskauer wissen deshalb genau, an welcher Stelle sie sich an den Bahnsteig stellen muessen, um beim Umsteigen einen moeglichst kurzen Weg zum naechsten Bahnsteig zu haben. Dabei wirkt es sehr komisch, dass viele Metrostationen im Zentrum wahre Prachtwerke sind, mit Reliefs an den Waenden, Stuckverzierten Decken und Kronlaeuchtern. Denn die Menschen haben ueberhaupt keine Zeit und Musse die Architektur zu bewundern. Flanieren kann man besser auf dem Roten Platz oder auf dem Arbat. Komischer Einfall den Stalin und seine Baumeister damals hatten. Gerne fahre ich nur spaet abends Metro, da sind die Leute nicht so gestresst, sondern eher vergnuegt, weil sie aus dem Theater, aus der Kneipe oder von einem Rendezvous kommen. Und die die spaet von der Arbeit kommen, haben die Chance ein wenig zu entspannen.
15.10.04
Clubbing ...
Ich hab natuerlich mittlerweile doch ein paar nette Kneipen und Clubs entdeckt, das heisst nicht unbedingt ich selbst, sondern sie wurden von mehreren Seiten empfohlen (an dieser Stelle schon Mal herzlichen Dank an Steffi). Die meisten liegen einem Kellergeschoss, sind Cafe, Kneipe, Restaurant und Musikclub zugleich und haben deshalb auch fast rund um die Uhr geoeffnet, oder tatsaechlich "kruglosutotschno", rund um die Uhr, wie das "Projekt OGI". OGI ist ein alternativer Buchverlag und deshalb ist an den Klub auch ein Lesesaal und ein kleiner Buchladen angeschlossen, in dem man z.B. nachts um halb eins nach einem Konzert was zum Lesen fuer den Heimweg kaufen kann. Das "Projekt OGI" liegt in einem gemuetlichen, verrauchten Kellergeschoss versteckt in einem Hinterhof in einer Gasse in Kitajgorod. Vom Projekt OGI gibt es mehrere Ableger, genannt "PirOGI" ("Piroggen") in der ganzen Stadt. Sehr gemuetlich ist auch das Apshu in der Naehe der Tretjakov-Galerie im Sueden des Stadtzentrums, ich hoffe auch noch, nachdem die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sind.
Aber Kitajgorod scheint schon ein gutes Viertel zum Ausgehen zu sein. Hier gibt es z.B. noch das "Propaganda" mit gemaessigter Technomusik und, bisher einer meiner Favoriten, das "Kitajskij Ljotschik Jao Da", zu deutsch: der Chinesische Flieger Jao da. Der Inhaber scheint tatsaechlich Chinese zu sein, was man auch an der Einrichtung sehen kann, aber sehr gemuetliche Kellerraueme mit ein paar asiatischen Laempchen an der Decke, nicht so kitschig wie unsere China-Restaurants. Nebenbeibemerkt hat Kitajgorod ("Chinatown") ansonsten ueberhaupt nichts mit China zu tun, der Name hat irgendeine mitteralterliche Bedeutung, die ich schon wieder vergessen habe, sollte ich als Osteuropahistoriker eigentlich wissen, vielleicht kann ja jemand eine erklaerung 'posten'.
In den Clubs finden auf den kleinen Buehnen regelmaessig Konzerte von mehr oder weniger unbekannten, aber deshalb nicht untalentierten Bands statt. Meist ein Stilmix aus Ska, Reggae,Rock, Jazz, Russischer Folklore und russischer Barden-(=Liedermacher)-musik. Ansonsten hoert man in den Kneipen ziemlich haeufig Jazzklaenge, also genau das richtige fuer mich und eine willkommene Abwechslung zu dem schrecklichen dem Russenpop oder "Popsa".
Aber Kitajgorod scheint schon ein gutes Viertel zum Ausgehen zu sein. Hier gibt es z.B. noch das "Propaganda" mit gemaessigter Technomusik und, bisher einer meiner Favoriten, das "Kitajskij Ljotschik Jao Da", zu deutsch: der Chinesische Flieger Jao da. Der Inhaber scheint tatsaechlich Chinese zu sein, was man auch an der Einrichtung sehen kann, aber sehr gemuetliche Kellerraueme mit ein paar asiatischen Laempchen an der Decke, nicht so kitschig wie unsere China-Restaurants. Nebenbeibemerkt hat Kitajgorod ("Chinatown") ansonsten ueberhaupt nichts mit China zu tun, der Name hat irgendeine mitteralterliche Bedeutung, die ich schon wieder vergessen habe, sollte ich als Osteuropahistoriker eigentlich wissen, vielleicht kann ja jemand eine erklaerung 'posten'.
In den Clubs finden auf den kleinen Buehnen regelmaessig Konzerte von mehr oder weniger unbekannten, aber deshalb nicht untalentierten Bands statt. Meist ein Stilmix aus Ska, Reggae,Rock, Jazz, Russischer Folklore und russischer Barden-(=Liedermacher)-musik. Ansonsten hoert man in den Kneipen ziemlich haeufig Jazzklaenge, also genau das richtige fuer mich und eine willkommene Abwechslung zu dem schrecklichen dem Russenpop oder "Popsa".
7.10.04
Wetterbericht
Ich weiss, es ist langweilig ueber das Wetter zu schreiben, und man tut es eigentlich nur, wenn man nichts anderes zu berichten hat, aber das Wetter in Russland ist auch ein Klischee, mit dem man ruhig einmal aufraeumen sollte. Zumindest fuer diejenigen von auch, die das Land nicht kennen und glauben, dass es Anfang September schlagartig kalt wird, bald darauf der erste Schnee faellt und das Land unter einer Eisdecke verschwindet, die erst im Mai wieder auftaut. Dann vergesst ihr aber den Altweibersommer und den goldenen Herbst. Die beiden scheinen sich zumindest in diesem Jahr besondere Muehe zu geben, zumindest kann ich mich nicht beklagen. Und laut Medien sah es bis vor kurzem von Nowosibirsk bis Wladiwostok auch nicht viel schlechter aus. Hier hat es zumindest noch fuer ein Campingwochenende und ausgedehnte Spaziergaenge durch Moskauer Parks und Strassen gereicht. Ein paar kalte, ungemuetliche Regentage gab es auch schon, aber seit gestern laueft auch bei mir (mit einigen Tagen Verspaetung) die Heizung und es gibt immer noch die Moeglichkeit sich von innen zu waermen (es gibt auch Klischees, die gepflegt werden wollen!). Der naechste Wetterbericht kommt mit dem ersten Schnee!
3.10.04
Oasen der Stille
Moskau ist gross und Moskau ist laut, sehr laut sogar manchmal. In der Metro ist es so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. An den vielbefahrenen sechs- bis achtspurigen Strassen ist es nicht besser (und der Verkehr nimmt zu, nachdem sich mehr Menschen ein Auto leisten). Aus vielen Kiosken und Laeden, die sich um die Metrostationen konzentrieren, droehnt basslastige Technomusik oder russischer Pop. Alles Stress fuer die Ohren. Zu Hause ist es ruhig, d.h. in meiner jetzigen Wohnung, die ersten zwei Wochen habe ich an einem Hinterhof gewohnt, in dem sich nachts streunende Hunde (die gibt es hier zu hauf) ihre Kaempfe geliefert haben. Jetzt wohne ich im zwoelften Stock, so hoch gelangt der Laerm von der Strasse und vom Hof nicht. Aber ich verbringe natuerlich nicht das ganze Wochendende in der Wohnung. Vor zehn Tagen haben wir einen Camping-Ausflug in den Wald gemacht, dafuer muss man hier schon bis zur letzten Metrostation am Stadtrand fahren, weiter eine halbe Stunde mit der Vorortbahn und dann noch eine Stunde Fussmarsch. Der Weg lohnt sich.
Die Moskauer Waelder sind tiefer und natuerlicher als die bei uns. Wie muessen dann erst die richtigen russischen Waelder sein? am letzten Wochenende hab ich festgestellt, dass man gar nicht so weit rausfahren muss, um die Ruhe zu geniessen. Es gibt auch in der Stadt einige schoene Parks, in denen man zum Beispiel ungefaehrdet Inlineskaten und Radfahren kann. Am besten hat mir der Botanische Garten im Norden der Stadt gefallen, der eigentlich ein Wald ist, nur dass es hunderte verschiedene Baumarten gibt, nicht nur Birke und Tanne. Das Gelaende ist so gross, dass ich nicht wusste wo ich am Ende herauskommen wuerde (es war die Metrostation Wladykino, nicht die, mit der ich gerechnet hatte, aber trotzdem gut). Eine andere Oase der Stille ist die Gartenstadt Sokol. Nur zweihundert Meter vom ungemuetlichen Leningradskij Prospekt, findet man sich, umgeben von mehrstoeckigen Wohnblocks, ploetzlich in einer Siedlung wieder, die mit ihren kleinen Holzhauesern und Gaerten eher wie ein Dorf wirken, abgesehen von den asphaltierten Strassen und vermutlich noch anderen Segnungen der Zivilisation. Sokol wurde Anfang der 20er Jahre gegruendet, als noch mit neuen Wohnformen experimentiert wurde. Die Idee war damals noch, die zahlreichen Arbeiter, die aus der Provinz nach Moskau geholt wurden, in laendlich gepraegten Siedlungen unterzubringen. Durchgesetzt haben sich schliesslich die Plattenbausiedlungen, von denen Moskau umgeben ist. So findet sich Sokol jetzt mitten in der Grossstadt wieder. Ich bin uebrigens nicht nur auf der Suche nach solchen ruhigen Plaetzen, sondern geniesse auch das Grossstadtleben, aber davon ein anderes Mal mehr...
Die Moskauer Waelder sind tiefer und natuerlicher als die bei uns. Wie muessen dann erst die richtigen russischen Waelder sein? am letzten Wochenende hab ich festgestellt, dass man gar nicht so weit rausfahren muss, um die Ruhe zu geniessen. Es gibt auch in der Stadt einige schoene Parks, in denen man zum Beispiel ungefaehrdet Inlineskaten und Radfahren kann. Am besten hat mir der Botanische Garten im Norden der Stadt gefallen, der eigentlich ein Wald ist, nur dass es hunderte verschiedene Baumarten gibt, nicht nur Birke und Tanne. Das Gelaende ist so gross, dass ich nicht wusste wo ich am Ende herauskommen wuerde (es war die Metrostation Wladykino, nicht die, mit der ich gerechnet hatte, aber trotzdem gut). Eine andere Oase der Stille ist die Gartenstadt Sokol. Nur zweihundert Meter vom ungemuetlichen Leningradskij Prospekt, findet man sich, umgeben von mehrstoeckigen Wohnblocks, ploetzlich in einer Siedlung wieder, die mit ihren kleinen Holzhauesern und Gaerten eher wie ein Dorf wirken, abgesehen von den asphaltierten Strassen und vermutlich noch anderen Segnungen der Zivilisation. Sokol wurde Anfang der 20er Jahre gegruendet, als noch mit neuen Wohnformen experimentiert wurde. Die Idee war damals noch, die zahlreichen Arbeiter, die aus der Provinz nach Moskau geholt wurden, in laendlich gepraegten Siedlungen unterzubringen. Durchgesetzt haben sich schliesslich die Plattenbausiedlungen, von denen Moskau umgeben ist. So findet sich Sokol jetzt mitten in der Grossstadt wieder. Ich bin uebrigens nicht nur auf der Suche nach solchen ruhigen Plaetzen, sondern geniesse auch das Grossstadtleben, aber davon ein anderes Mal mehr...
21.9.04
Registration II
Nein, es geht diesmal nicht um meine Registration, ich habe seit heute zwei Stempel in meinem Pass, die belegen, dass ich ordnungsgemaess in Moskau registriert bin. Auch letzte Woche waere ich kaum in Schwierigkeiten geraten, da ich immerhin eine Bescheinigung darueber hatte, dass die Registrierung in Vorbereitung ist. Diejenigen, die wirklich unter diesem "Regime" sind auch nicht westliche Auslaender, die zeitweise in Russland leben. Auch fuer russische Staatsbuerger gilt Registrationspflicht. Und die Registration ist gerade in Moskau, dem Ort mit magischer Anziehungskraft fuer viele Menschen aus den Provinzen und Randgebieten des Landes, schwer zu bekommen. Zumindest kostet es jedes halbe Jahr einen ganzen Arbeitstag und eine fuer Normalverdiener nicht unerhebliche Menge Geld. Reiche Russen koennen es sich leisten einen Bevollmaechtigten in die Schlange zu schicken. Viele verzichten aber einfach auf die Registration und leben illegal in Moskau. Daher laesst sich auch nicht so genau sagen, wieviele Menschen eigentlich in der Stadt leben, sind es neun,zehn, zwoelf oder gar zwanzig Millionen? Wenn ich abends im Gedraenge in den Metrostationen stecke, glaube ich fast an die letzte Zahl! Aber mit Zahlen sollte man vorsichtig umgehen.
Die groessten Probleme haben Menschen, die "oestlich oder kaukasisch aussehen". Man kann in der Metro taeglich beobachten, wie sie von der Miliz abgefangen werden, besonders jetzt nach den Anschlaegen und der Geiselnahme in Beslan, als haetten die Verantwortlichen fuer diese Taten keine Moeglichkeiten, sich saubere Papiere zu besorgen. Hier sind wir schon mitten in der Arbeit meiner Organisation angelangt. Ein bisheriger Hoehepunkt war die heutige Presse-Konferenz zum Thema "Der Nordkaukasus wird sich nicht von Russland abspalten" im Moskauer Independent Press Center, an der unser Chef, ein dagestanischer Publizist und Kim Zagolog, ein ossetischer Ex-General und Ex-Vizeminister fuer Nationalitaetenfragen unter Jelzin, teilnahmen. Letzterer war unabhaengig von seiner Vita ein sehr beeindruckender Redner. Er befuerwortet grundsaetzlich die Loesung von Konflikten im Dialog und sagte er habe sich mehrmals mit dem frueheren tscheteschenischen Praesidenten Dudajew getroffen. Wenn die Regeirung damals mit Dudajew kommuniziert haette, haette es den Tschetschenienkrieg seiner Meinung nach niemals gegeben. Zagolov behauptet, dass es ethnische Konflikte im eigentlichen Sinn gar nicht gibt (ursaechlich sind immer andere Gruende), den Begriff Mentalitaet lehnt er schlichtweg ab. Eine Auffassung, die ich unterstuetze, zumindest dann, wenn es um leichtfertige Begruendungen fuer Konflikte oder politische Entwicklungen wie derzeit in Russland geht. Alle drei waren sich einig, dass eigentlich keines der Voelker im Nordkaukasus wirklich eine Losloesung von Russland will, das Problem werde in den Massenmedien uebertrieben. Das eigentliche Problem liege in der Art und Weise, wie Minderheiten in Russland, insbesondere in Moskau, von Miliz und Behoerden behandelt werden. Bezeichnend, dass sich die Lage in dieser Hinsicht nur noch weiter verschaerfen wird, die Registrationspraxis wandelt sich zu einem regelrechten Regime, mit verstaerkten Hausbesuchen der Miliz, z.T. auf Hinweise aussagewilliger Nachbarn hin. Kontrolle ist halt besser!
Die groessten Probleme haben Menschen, die "oestlich oder kaukasisch aussehen". Man kann in der Metro taeglich beobachten, wie sie von der Miliz abgefangen werden, besonders jetzt nach den Anschlaegen und der Geiselnahme in Beslan, als haetten die Verantwortlichen fuer diese Taten keine Moeglichkeiten, sich saubere Papiere zu besorgen. Hier sind wir schon mitten in der Arbeit meiner Organisation angelangt. Ein bisheriger Hoehepunkt war die heutige Presse-Konferenz zum Thema "Der Nordkaukasus wird sich nicht von Russland abspalten" im Moskauer Independent Press Center, an der unser Chef, ein dagestanischer Publizist und Kim Zagolog, ein ossetischer Ex-General und Ex-Vizeminister fuer Nationalitaetenfragen unter Jelzin, teilnahmen. Letzterer war unabhaengig von seiner Vita ein sehr beeindruckender Redner. Er befuerwortet grundsaetzlich die Loesung von Konflikten im Dialog und sagte er habe sich mehrmals mit dem frueheren tscheteschenischen Praesidenten Dudajew getroffen. Wenn die Regeirung damals mit Dudajew kommuniziert haette, haette es den Tschetschenienkrieg seiner Meinung nach niemals gegeben. Zagolov behauptet, dass es ethnische Konflikte im eigentlichen Sinn gar nicht gibt (ursaechlich sind immer andere Gruende), den Begriff Mentalitaet lehnt er schlichtweg ab. Eine Auffassung, die ich unterstuetze, zumindest dann, wenn es um leichtfertige Begruendungen fuer Konflikte oder politische Entwicklungen wie derzeit in Russland geht. Alle drei waren sich einig, dass eigentlich keines der Voelker im Nordkaukasus wirklich eine Losloesung von Russland will, das Problem werde in den Massenmedien uebertrieben. Das eigentliche Problem liege in der Art und Weise, wie Minderheiten in Russland, insbesondere in Moskau, von Miliz und Behoerden behandelt werden. Bezeichnend, dass sich die Lage in dieser Hinsicht nur noch weiter verschaerfen wird, die Registrationspraxis wandelt sich zu einem regelrechten Regime, mit verstaerkten Hausbesuchen der Miliz, z.T. auf Hinweise aussagewilliger Nachbarn hin. Kontrolle ist halt besser!
20.9.04
Winnie the Pooh's paradise
Ein Gelaende von ca. 300x300 Metern voll mit Staenden, an denen nur eine einzige Ware feilgeboten wird - Honig. Das ist der "Jarmarka mjoda", der Honigmarkt, der jedes Jahr im Spaetsommer in Moskau stattfindet. Aber hier geht es nicht einfach um Honig, es gibt alle erdenklichen und auch mir bisher nicht erdenklichen Sorten, von verschiedenstem Wiesen- und Wald- und Berghonig ueber Akazie und Linde mit Melisse bis hin zu Kastanie und Buchweizenblueten, von den Pflanzen, die nicht einmal unsere russische Begleiterin identifizieren konnte ganz zu schweigen, und das aus allen Regionen des riesigen Landes. Honig ist nicht billig hier in Moskau, und trotzdem sind viele Russen bereit, dafuer zu zahlen. Denn Honig gilt hier nicht nur als Lebensmittel, sondern vor allem als Heilmittel, bei vielen Sorten war gleich angegeben, bei welchen Beschwerden sie helfen. Zhenya, unsere Begleiterin, scheint mit der Wissenschaft des Honigs vertraut zu sein, sie weiss zum Beispiel, dass Buchweizenhonig sehr schnell kristallisiert, wenn er fluessig ist is er nicht rein, reiner Kastanienhonig hingegen bleibt auch nach einem Jahr noch fluessig. Reinheit ist ueberhaupt ein wichtiges Stichwort. "Treten Sie naeher. Wir haben den reinsten Honig von ganz Russland. Probieren Sie!" Probieren? Das wichtigste hab ich fast vergessen. Ein Paradies fuer Winnie Puh eben.
14.9.04
Registration
Man kann nicht einfach so in Moskau wohnen, nein, nach Einladung und Visum steht mit der Registration erstmal die dritte, und wie mir scheint groesste, buerokratische Huerde an. Ohne Registration darf ich mich drei Tage in Moskau aufhalten, bei mir waren das Donnerstag, Freitag und Samstag. Seit Sonntag muss ich mich in der Stadt also moeglichst unauffaellig bewegen, um nicht der Miliz in die Haende zu fallen. Die Milizionaere lauern einem bevorzugt in den Metrostationen und an den Ein- und Ausgaengen auf. In letzter Zeit besonders - wegen erhoehter Terrorgefahr. Da aber nicht an jeder Station zu jeder Zeit ein Anschlag zu befuerchten ist, gehen die Milizionaere einer weit verbreiteten Beschaeftigung nach: Geld eintreiben - wer es nicht von oben kriegt, muss sich halten von unten holen. Ein beliebtes Opfer sind dabei Auslaender, die man leicht mit einem "Straf" von 500 Rubel (knapp 15 Euro) belegen kann. Also versuche ich, so russisch wie moeglich zu erscheinen: Ich gehe zuegig mit leicht gesenktem Kopf, gelangweiltem Blick und herabgezogenem Mundwinkel, weiss immer genau wo ich hin muss, wenn nicht, schaue ich nur kurz aus dem Augenwinkel wie es weitergeht, und selbst wenn ich ueberhaupt nicht mehr weiterweiss, mache ich zumindest den Anschein, dass ich es weiss. Bisher hat es wunderbar funktioniert, trotzdem hoffe ich, dass ich bald den Registrationsstempel in meinem Pass habe.
Zuerst hiess es Freitag Abend ist alles fertig, aber dann wurde alles sehr kompliziert und sehr kompliziert heisst sehr teuer. Dann also doch lieber kompliziert als teuer. Heute konnten Patrizia und ich zusehen, wie Irina in einem kleinen Bezirksamt im Moskauer Norden mit immer neuen Formularen fuer uns von Buero zu Buero geschickt wurde, zum Bezahlen sogar ein paar Stationen mit dem Bus fahren musste, um dann wieder fuer neue Stempel und Unterschriften anstehen musste. Das gleiche Schicksal traf offenbar alle, die in diesem Amt irgend etwas zu erledigen hatten. Ok, wir mussten nur dasitzen warten, aber auch warten kann anstrengend sein. Schliesslich haben wir es geschafft, alle Papiere zusammenzukriegen, von Oeffnung des Amtes bis zum Beginn der Mittagspause, und wenn es um ihre Mittagspause geht, sind russische Beamte ploetzlich sehr puenktlich. Die Registration haben wir allerdings noch nicht, die Papiere gehen jetzt wieder an irgend eine Organisation und ... Ich will nicht versuchen, das System zu verstehen und hoffe, ich muss keine Fortsetzung von diesem Kapitel schreiben.
Zuerst hiess es Freitag Abend ist alles fertig, aber dann wurde alles sehr kompliziert und sehr kompliziert heisst sehr teuer. Dann also doch lieber kompliziert als teuer. Heute konnten Patrizia und ich zusehen, wie Irina in einem kleinen Bezirksamt im Moskauer Norden mit immer neuen Formularen fuer uns von Buero zu Buero geschickt wurde, zum Bezahlen sogar ein paar Stationen mit dem Bus fahren musste, um dann wieder fuer neue Stempel und Unterschriften anstehen musste. Das gleiche Schicksal traf offenbar alle, die in diesem Amt irgend etwas zu erledigen hatten. Ok, wir mussten nur dasitzen warten, aber auch warten kann anstrengend sein. Schliesslich haben wir es geschafft, alle Papiere zusammenzukriegen, von Oeffnung des Amtes bis zum Beginn der Mittagspause, und wenn es um ihre Mittagspause geht, sind russische Beamte ploetzlich sehr puenktlich. Die Registration haben wir allerdings noch nicht, die Papiere gehen jetzt wieder an irgend eine Organisation und ... Ich will nicht versuchen, das System zu verstehen und hoffe, ich muss keine Fortsetzung von diesem Kapitel schreiben.
13.9.04
Erste Eindruecke
Donnerstag, 9.9., 15.50 Uhr Ankunft Moskau-Domodedovo. Keinerlei Probleme bei der Passkontrolle und am Zoll. Werde netterweise von meinem Mitpraktikanten Sebastian abgeholt. Dododedovo ist ein neuer, sehr moderner Flughafen. Zum Glueck ist der Shuttlezug, der uns in die Stadt bringt, einer von der alten Sorte. Sonst haette ich geglaubt, ich waere nicht in Moskau gelandet, sondern irgendwoanders - trotz der russischen Durchsagen, Anzeigetafeln, Reklameschilder etc. Aber die Erinnerungen kommen schnell zurueck - die Kontrollautomaten, die die Fahrkahrte erst beim fuenften Versuch annimmt, das Gedraenge vor der U-Bahn-Rolltreppe zur Rushour und dazu altbekannte Gerueche und Geraeusche: der Mief in der U-Bahn, das Rattern der Raeder unter den alten Waggons, der typische Benzingeruch, der einem auf der Strasse in die Nase steigt.
Meine Wohnung fuer die naechste Woche liegt ein Stueck ausserhalb des Stadtzentrums im Westen. Vom Kiewer Bahnhof eine knappe halbe Stunde mit der Marschroutka, einem alten klapprigen Bulli eines privaten Linientaxiunternehmen, der in halsbrecherischen Ausweichmanoevern ueber die vierspurige Ausfallstrasse rast. Gut, bisher bin ich immer heil da angekommen wo ich hinwollte. Ich habe voruebergehend das Zimmer von Lena, einer Kollegin aus dem Buero, die zur Zeit Urlaub macht. Sie teilt sich eine Zweizimmerwohnung in einem Hinterhof mit einer Schriftstellerin. Die Wohnung ist russisch gemuetlich, mit gemusterten Tapeten, dunklen Moebeln und schweren Teppichen. Ueberhaupt ist es recht dunkel, aber eine Reihe grosser Fenster, die viel Licht hereinlassen, sind wohl nicht sehr praktisch hier, schliesslich will man es ja warm haben. Aber auch das ist nicht so einfach im September, da die Heizung erst ab dem naechsten Monat laeuft. Aber ich habe ja vorgesorgt...
Das Buero des Center for Interethnic Cooperation liegt in der Novoslobodskaja ulica, direkt an der Ringlinie der Metro, in einem geraeumigen Kellergeschoss. Ausser mir sind hier zur Zeit meine Mitpraktikanten Sebastian aus Giessen und Patrizia aus Oesterreich, Zhenja und Irina, zwei Russinnen, die sich sehr nett um uns kuemmern und Lisa und Aljoscha, zwei Katzen. Der Direktor Aschot, ein Armenier, kommt erst am Mittwoch von einer Konferenz zurueck. Und bis dahin geht es hier sehr ruhig zu. Ein paar Uebersetzungen, ein paar Mails lesen fuers Buero, ansonsten bleibt noch viel Zeit fuer private Dinge, wie z.B. diese Blog. Aber auch wenn es in den naechsten Tagen etwas stressiger zugehen koennte, die Atmosphaere - hab ich mir sagen lassen - ist sehr herzlich. Und fuers leibliche Wohl wird auch gesorgt: Mittagessen, Kaffe, Tee mit Keksen ...
Am Wochendende hatte ich Gelegenheit, Moskau zu erkunden, teils allein, teils mit Patrizia und Sebastian, der schon etwas laenger hier ist: Theaterplatz, Roter Platz, Tverskaja, Arbat, eigentlich das ganze Zentrum zu Fuss. Wenn ich irgend jemand erzaehlt habe, Moskau sei eigntlich nur haesslich, laut und schmuzig, dann muss ich mich korrigieren, es gibt durchaus einige Strassen und Gegenden, die ein schoenes Grossstadtflair haben. Ich bin mit der Erwartung hierhergekommen, dass die Stadt sich seit meinem letzten Besuch (1997!!!) sehr veraendert hat. Und dennoch musste ich etwas genauer hinschauen, um dies zu bemerken. Vielleicht liegt es daran, dass die Richtung schon damals vorgegeben war. Alles wird westlicher und protziger. Es fahren noch mehr teure Limousinen auf der Strasse, die Stadt ist noch staerker mit Reklameflaechen gepflastert, und ueberall machen Spielhallen mit kitschig-grellen Lichtkonstruktionen auf sich aufmerksam. An Baustellen kann man die kuenftigen Ausmasse des Gebaeudes an einer rieseigen Werbetafel erkennen. Neue Buerotuerme schiessen wie Pilze aus dem Boden, mit zum Teil absonderlichen architektonischen Konstruktionen, wie z.B. die Neuschwansteintuermchen, die ich auf dem Weg in die Stadt beobachten kann. Sehr deutlich macht sich auch die Cafe- und Kneipenkultur bemerkbar. Waehrend man vor einigen Jahrten noch Schwierigkeiten hatte, ueberhaupt ein Cafe zu finden, gibt es sie heute an jeder Ecke, alle westlich schick mit stolzen Preisen. Ein richtig gemuetliches Cafe mit gemuetlichen Preisen, in dem man sich gerne laenger aufhaelt, habe ich noch nicht entdeckt, und ich fuerchte, ich kann noch lange suchen...
Meine Wohnung fuer die naechste Woche liegt ein Stueck ausserhalb des Stadtzentrums im Westen. Vom Kiewer Bahnhof eine knappe halbe Stunde mit der Marschroutka, einem alten klapprigen Bulli eines privaten Linientaxiunternehmen, der in halsbrecherischen Ausweichmanoevern ueber die vierspurige Ausfallstrasse rast. Gut, bisher bin ich immer heil da angekommen wo ich hinwollte. Ich habe voruebergehend das Zimmer von Lena, einer Kollegin aus dem Buero, die zur Zeit Urlaub macht. Sie teilt sich eine Zweizimmerwohnung in einem Hinterhof mit einer Schriftstellerin. Die Wohnung ist russisch gemuetlich, mit gemusterten Tapeten, dunklen Moebeln und schweren Teppichen. Ueberhaupt ist es recht dunkel, aber eine Reihe grosser Fenster, die viel Licht hereinlassen, sind wohl nicht sehr praktisch hier, schliesslich will man es ja warm haben. Aber auch das ist nicht so einfach im September, da die Heizung erst ab dem naechsten Monat laeuft. Aber ich habe ja vorgesorgt...
Das Buero des Center for Interethnic Cooperation liegt in der Novoslobodskaja ulica, direkt an der Ringlinie der Metro, in einem geraeumigen Kellergeschoss. Ausser mir sind hier zur Zeit meine Mitpraktikanten Sebastian aus Giessen und Patrizia aus Oesterreich, Zhenja und Irina, zwei Russinnen, die sich sehr nett um uns kuemmern und Lisa und Aljoscha, zwei Katzen. Der Direktor Aschot, ein Armenier, kommt erst am Mittwoch von einer Konferenz zurueck. Und bis dahin geht es hier sehr ruhig zu. Ein paar Uebersetzungen, ein paar Mails lesen fuers Buero, ansonsten bleibt noch viel Zeit fuer private Dinge, wie z.B. diese Blog. Aber auch wenn es in den naechsten Tagen etwas stressiger zugehen koennte, die Atmosphaere - hab ich mir sagen lassen - ist sehr herzlich. Und fuers leibliche Wohl wird auch gesorgt: Mittagessen, Kaffe, Tee mit Keksen ...
Am Wochendende hatte ich Gelegenheit, Moskau zu erkunden, teils allein, teils mit Patrizia und Sebastian, der schon etwas laenger hier ist: Theaterplatz, Roter Platz, Tverskaja, Arbat, eigentlich das ganze Zentrum zu Fuss. Wenn ich irgend jemand erzaehlt habe, Moskau sei eigntlich nur haesslich, laut und schmuzig, dann muss ich mich korrigieren, es gibt durchaus einige Strassen und Gegenden, die ein schoenes Grossstadtflair haben. Ich bin mit der Erwartung hierhergekommen, dass die Stadt sich seit meinem letzten Besuch (1997!!!) sehr veraendert hat. Und dennoch musste ich etwas genauer hinschauen, um dies zu bemerken. Vielleicht liegt es daran, dass die Richtung schon damals vorgegeben war. Alles wird westlicher und protziger. Es fahren noch mehr teure Limousinen auf der Strasse, die Stadt ist noch staerker mit Reklameflaechen gepflastert, und ueberall machen Spielhallen mit kitschig-grellen Lichtkonstruktionen auf sich aufmerksam. An Baustellen kann man die kuenftigen Ausmasse des Gebaeudes an einer rieseigen Werbetafel erkennen. Neue Buerotuerme schiessen wie Pilze aus dem Boden, mit zum Teil absonderlichen architektonischen Konstruktionen, wie z.B. die Neuschwansteintuermchen, die ich auf dem Weg in die Stadt beobachten kann. Sehr deutlich macht sich auch die Cafe- und Kneipenkultur bemerkbar. Waehrend man vor einigen Jahrten noch Schwierigkeiten hatte, ueberhaupt ein Cafe zu finden, gibt es sie heute an jeder Ecke, alle westlich schick mit stolzen Preisen. Ein richtig gemuetliches Cafe mit gemuetlichen Preisen, in dem man sich gerne laenger aufhaelt, habe ich noch nicht entdeckt, und ich fuerchte, ich kann noch lange suchen...








